Sie war die bekannteste lebende Schweizerin und mit 23 Ehrendoktor-Titeln die wissenschaftlich am meisten ausgezeichnete Frau der Welt. Ihre größte Lebensleistung ist, dass sie weltweit Tod und Sterben enttabuisiert oder - wie sie selber sagte, „aus der Toilette geholt" hat. Ihre 22 Bücher zum Thema Sterben sind in 25 Sprachen übersetzt.

Ich hatte Elisabeth Kübler-Ross erstmals vor fünf Jahren mit meinem Fernsehteam in ihrem abgelegenen Haus in der Wüste von Arizona bei Phoenix besucht. Die Frau hatte Hunderte von Sterbenden in ihren Armen gehalten.

„Wenn Sie unanständige Fragen stellen, bekommen Sie einen Karateschlag", drohte sie zur Begrüßung und ballte die schwach gewordene Faust. Sie war einmal für 2000 Sterbehospize in den USA verantwortlich. Dass heute Zehntausende Sterbende auf der ganzen Welt menschenwürdig betreut sich auf das Sterben vorbereiten können, ist ihr Verdienst.

„Da gab es große Fortschritte in den letzten 30 - 40 Jahren" meint sie auch ein wenig stolz. „Damals hat man mit den Sterbenden gar nicht über das Sterben geredet. Man hat sie abgeschoben und nicht einmal ausreichend Schmerzmittel gegeben. Dies ist heute anders und besser." Wer heute in Ruhe und Frieden sterben möchte, kann sich an ein Hospiz wenden. Auch in Deutschland. „Sie bekommen in jedem Hospital ausreichend Schmerzmittel, ohne dabei doof zu werden. Sie können in einem Hospiz oder auch zu Hause sterben. Endlich gibt es eine freie Wahl, wie ich heute sterben will."

Geehrt wurde sie weltweit wegen ihrer Arbeit mit Sterbenden. Was sie jedoch über die Zeit nach dem Tod sagte und schrieb, brachte ihr viel Unverständnis und Feindschaft ein: „Der Tod ist eine beglückende Erfahrung. Es gibt gar keinen Tod. Der so genannte Tod ist ein Übergang in eine andere Dimension", bekräftigt sie. „Was ist ein Übergang?", will ich wissen. Glaubt sie wirklich daran?

„Ich glaube gar nichts. Ich weiß." Darauf besteht sie als Wissenschaftlerin immer wieder. „Sind Sie ganz sicher?" „Hundertprozentig, hundertprozentig. Ich habe auch eigene Nahtod-Erlebnisse." Über solche Themen scherze sie nicht, meint sie lachend.

Niemand sterbe allein, sagte, schrieb und lehrte Elisabeth Kübler-Ross 40 Jahre lang. Auf jeden Sterbenden würden "drüben" die Menschen warten, die ihm am nächsten standen. „Das lässt sich erforschen. Viele Sterbende, die bereits einen Blick hinüber werfen konnten, aber wieder reanimiert wurden, haben mir das erzählt." Ich bleibe skeptisch. Kann das alles nicht auch eine Täuschung, eine Halluzination sein?

Mit tiefem Ernst erzählte die Sterbeforscherin von ihrer Arbeit mit sterbenden Kindern nach einem Autounfall. Diese Kinder hätten nicht wissen können, dass im Nachbarkrankenhaus vor zehn Minuten ihr Bruder und ihre Mutter starben, die ebenfalls schwer verletzt worden waren. Aber sie hätten ihr gesagt: "Frau Dr. Ross, mein Bruder und meine Mutter warten schon auf mich." Die Sterbeforscherin hatte diese Aussagen der Kinder ernst genommen und erst später erfahren, dass Bruder und Mutter tatsächlich zu dem Zeitpunkt der Aussage des sterbenden Kindes schon tot waren.

Kann Elisabeth Kübler-Ross durch ihre Erlebnisse mit Hunderten von Sterbenden und aus Tausenden von Sterbeprotokollen, die sie gesammelt hat, den Moment des Todes näher beschreiben?

"Der Moment des Todes ist ein ganz befreiendes, schönes Erlebnis. Man löst sich von seinem körperlichen Körper, der vielleicht im Bett liegt. Man beobachtet seinen Körper von oben ohne Angst und ohne Schmerzen und ohne Heimweh. Sterbende haben Glücksgefühle. Sie lösen sich von ihrem Körper wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Der Glückszustand der Transformation vom körperlichen zum körperlosen Zustand ist unbeschreiblich schön."

Die weit verbreitete Angst vor dem Sterben führt die Sterbeforscherin auf die heutige Angst vor dem Leben zurück. Es gäbe zu wenig Urvertrauen in das Leben.

Beim Abschied sagte sie mir: "Ich freue mich auf den Tod. Ich will bald durch die Galaxien tanzen."

Ende August starb sie in Phoenix.